ZWISCHEN STETTIN UND SZCZECIN: GESCHICHTE VERSTEHEN, GEGENWART BEGEGNEN

Spannende Seminarreise zur Geschichte und Gegenwart Szczecins und Westpommerns

Stettin war über Jahrhunderte eine deutsche Stadt. Seit 1945 gehört Szczecin zu Polen. Heute ist die Stadt ein wichtiger Ort der deutsch-polnischen Zusammenarbeit und Teil eines zusammenwachsenden europäischen Grenzraums. Mit dieser Entwicklung beschäftigte sich die Seminarwoche „Zwischen Stettin und Szczecin“ des Deutsch-Europäischen Bildungswerks in Hessen (DEBWH) vom 6. bis 12. September 2026.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Geschichte, Erinnerung und Gegenwart einer Stadt verändern und was davon bis heute sichtbar und wirksam ist. Die rund 22 Teilnehmenden aus Deutschland begegneten in Szczecin und Westpommern polnischen Historikern, Kulturschaffenden, Kommunalvertretern und Mitgliedern der deutschen Minderheit. Das Seminar war als Bildungsurlaubsveranstaltung nach dem Hessischen Bildungsurlaubsgesetz (HBUG) anerkannt.

Die Auseinandersetzung begann nicht erst mit dem Jahr 1945. Besucht wurden historische Orte und Einrichtungen, die die deutsche Geschichte Pommerns und Stettins ebenso sichtbar machen wie die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Im Internationalen Zentrum für Interdisziplinäre Studien in Kulice/Külz ging es beispielsweise um die Geschichte Pommerns und die Spuren der Familie von Bismarck. In Kamień Pomorski/Cammin standen die Kirchen- und Kulturgeschichte Westpommerns im Mittelpunkt.

Stettin zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Einen Schwerpunkt bildete die Frage, was der Bruch von 1945 für Stettin und seine Bevölkerung bedeutete. Im Centrum Dialogu Przełomy wurden die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen thematisiert. Die Ausstellung „Hans Stettiner und Janek Szczeciński“ im Museum of History of Szczecin machte anhand der Stadtgeschichte deutlich, wie aus dem deutschen Stettin das polnische Szczecin wurde und wie sich Identität und Erinnerung damit veränderten.

Siegbert Ortmann, Vorsitzender des DEBWH, sagte: „Die zahlreichen Begegnungen und Gespräche während unserer Reise haben gezeigt, wie wichtig der persönliche Austausch für das Verständnis der gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichte und für ein friedliches und offenes Zusammenleben im heutigen Europa ist. Zugleich wurde deutlich, welche Bedeutung der Erhalt der jahrhundertealten deutschen Sprache, Kultur und Identität für die heute in dieser Region Polens lebende deutsche Minderheit hat. Beides gehört für uns zusammen: Erinnerung an die Geschichte, Begegnung in der Gegenwart und der gemeinsame Blick auf die Zukunft Europas.“

Begegnungen über Grenzen hinweg
Dabei ging es nicht um eine einseitige Betrachtung der Vergangenheit. Die Teilnehmenden setzten sich auch mit der heutigen Stadt auseinander: mit der kommunalen Zusammenarbeit mit Deutschland, den deutsch-polnischen Beziehungen in Westpommern und auf Usedom sowie mit der Arbeit der Europaregion Pomerania. Gespräche mit Vertretern der Stadt Szczecin und regionaler Institutionen vermittelten Einblicke in aktuelle Formen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Auch die deutsche Minderheit in Polen war Teil des Programms. Bei einem Treffen in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Szczecin sprachen die Teilnehmenden mit Mitgliedern des Sozial-Kulturellen Vereins der Deutschen Minderheit. Gezeigt wurde hier auch die „Stele der Toleranz“ des Wiesbadener Künstlers Karl-Martin Hartmann. Dabei handelt es sich nicht um ein Kunstwerk „aus Deutschland“, das in Polen aufgestellt wurde. Sie steht vielmehr in einem deutsch-polnischen, ökumenischen und europäischen Zusammenhang. Eine weitere Perspektive eröffnete die Beschäftigung mit Dietrich Bonhoeffer und seinem Wirken in Stettin. Sie verband die regionale Geschichte mit der Frage, welche Bedeutung persönliche Verantwortung und gesellschaftliches Handeln in politischen Umbruchsituationen haben können.

Die Seminarwoche führte außerdem nach Międzyzdroje/Misdroy und Świnoujście/Swinemünde. Dort standen die Entwicklung der Ostseebäder sowie die heutige deutsch-polnische Zusammenarbeit in der Region im Mittelpunkt. Der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Stare Czarnowo/Neumark ergänzte das Programm um die Frage, wie Deutsche und Polen heute mit den materiellen Hinterlassenschaften von Krieg und Gewalt umgehen. In Swinemünde gab es zudem ein Kurzseminar und einen Austausch mit Vertretern der Wirtschaft und von NGOs.

Perspektivwechsel als zentrale Erfahrung
Die entscheidende Erfahrung der Seminarwoche war der Perspektivwechsel: Wer Szczecin verstehen will, muss sowohl das frühere Stettin als auch die polnische Nachkriegsgeschichte und die heutige europäische Stadt in den Blick nehmen. Erst aus diesen unterschiedlichen Perspektiven ergibt sich ein vollständigeres Bild der Region.

Das Deutsch-Europäische Bildungswerk in Hessen möchte mit seinen Seminaren dazu beitragen, historische Kenntnisse mit persönlicher Begegnung und der Auseinandersetzung mit aktuellen europäischen Fragen zu verbinden. Die Seminarwoche in Szczecin bot dafür ein konkretes Beispiel: Historische Entwicklungen wurden an authentischen Orten betrachtet und zugleich mit den Menschen diskutiert, die heute in der Region leben.

Das Seminar wurde durch das Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert und war in Hessen als Bildungsurlaub anerkannt.

Die Reisegruppe wurde im Rathaus von Piotr Krzystek, dem Stadtpräsidenten von Stettin, empfangen. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
Die Reisegruppe wurde im Rathaus von Piotr Krzystek, dem Stadtpräsidenten von Stettin, empfangen. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
In Misdroy informierte Michał Faligowski von ErlebnisPolen darüber, wie sich der Ort vom Kaiserbad zum beliebten Kurort an der polnischen Ostseeküste entwickelte. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
In Misdroy informierte Michał Faligowski von ErlebnisPolen darüber, wie sich der Ort vom Kaiserbad zum beliebten Kurort an der polnischen Ostseeküste entwickelte. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
In Swinemünde gab es ein Kurzseminar und einen Austausch mit Vertretern der Wirtschaft und von NGOs vor Ort. Auf dem Foto abgebildet (v. l. n. r.): Lydia Miecznik, Stadtverwaltung Swinemünde; Ryszard Knec, Kommunalgemeinschaft Europaregion Pomerania; Martin Hanf, Geschäftsführer der Kommunalgemeinschaft und Siegbert Ortmann, Vorsitzender des DEBWH. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
In Swinemünde gab es ein Kurzseminar und einen Austausch mit Vertretern der Wirtschaft und von NGOs vor Ort. Auf dem Foto abgebildet (v. l. n. r.): Lidia Miecznik, Stadtverwaltung Swinemünde; Ryszard Knec, Kommunalgemeinschaft Europaregion Pomerania; Martin Hanf, Geschäftsführer der Kommunalgemeinschaft und Siegbert Ortmann, Vorsitzender des DEBWH. Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
Die Seminargruppe unternahm auch eine Stadtführung durch Stettin. Zu sehen ist das Muzeum Narodowe w Szczecinie (Nationalmuseum Stettin). Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
Die Seminargruppe unternahm auch eine Stadtführung durch Stettin. Zu sehen ist das Muzeum Narodowe w Szczecinie (Nationalmuseum Stettin). Bildnachweis: Deutsch-Europäisches Bildungswerk in Hessen
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